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EU-Reifenlabel verstehen: Effizienzklasse, Nasshaftung und Rollgeräusche

· Timo Wimmer
EU-Reifenlabel verstehen: Effizienzklasse, Nasshaftung und Rollgeräusche

Wer schon einmal vor einem Regal voller Reifen gestanden hat, kennt das Gefühl: Viele Produkte, ähnliche Preise, kaum erkennbare Unterschiede. Genau für diesen Moment wurde das EU-Reifenlabel entwickelt – ein standardisiertes Informationsblatt, das seit dem 1. Mai 2021 in überarbeiteter Form für alle neu produzierten Pkw-, Transporter- und Lkw-Reifen in der EU Pflicht ist. Wer die Symbole versteht, trifft beim Reifenkauf fundierte Entscheidungen – für Sicherheit, Wirtschaftlichkeit und Umwelt zugleich.

Was ist das EU-Reifenlabel überhaupt?

Das Reifenlabel ist eine gesetzlich vorgeschriebene Kennzeichnung, ähnlich dem Energielabel bei Haushaltsgeräten. Die rechtliche Grundlage bildet die EU-Verordnung 2020/740, in Deutschland umgesetzt durch die Reifenkennzeichnungsverordnung (ReifKennzV). Händler sind verpflichtet, das Label gut sichtbar am Reifen anzubringen – entweder als Aufkleber direkt auf dem Reifen oder als gedruckte Kennzeichnung.

Die aktuelle Version des Labels bewertet Reifen nach drei Hauptkategorien:

  • Kraftstoffeffizienz (Rollwiderstand)
  • Nasshaftung
  • Externes Rollgeräusch

Neu seit 2021 sind außerdem optionale Symbole für Schnee- und Eisgrip sowie ein QR-Code, der direkt zur europäischen Produktdatenbank EPREL (European Product Registry for Energy Labelling) führt.

Kraftstoffeffizienz: Was der Rollwiderstand mit dem Spritverbrauch zu tun hat

Die Effizienzklasse reicht von A (beste) bis E (schlechteste). Maßgeblich ist dabei der Rollwiderstand des Reifens – also der Widerstand, den er beim Abrollen auf der Straße erzeugt. Ein hoher Rollwiderstand bedeutet: Der Motor muss mehr Arbeit leisten, um das Fahrzeug in Bewegung zu halten, und verbraucht entsprechend mehr Kraftstoff.

Der Unterschied zwischen Klasse A und E ist in der Praxis spürbar. Bei einem durchschnittlichen Pkw beträgt die mögliche Verbrauchseinsparung bis zu 7,5 Prozent, was etwa 0,5 Liter auf 100 Kilometern entspricht. Über die gesamte Laufzeit eines Reifensatzes kommt da eine beachtliche Summe zusammen – sowohl beim Kraftstoffbudget als auch beim CO₂-Ausstoß.

Für Vielfahrer und alle, die wirtschaftlich und umweltbewusst fahren möchten, ist ein Reifen der Klassen A oder B daher oft die klügere Wahl, auch wenn der Anschaffungspreis etwas höher liegt.

Nasshaftung: Die wichtigste Sicherheitsgröße

Beim sicheren Fahren in Regen und auf nassen Straßen ist die Nasshaftungsklasse das entscheidende Kriterium. Auch hier gilt die Skala von A bis E.

Die Klasse ergibt sich aus dem sogenannten Nasshaftungskoeffizienten – gemessen durch einen Bremsversuch auf durchschnittlich griffigem Untergrund. Die praktischen Unterschiede sind erheblich: Ein Pkw mit Reifen der Klasse A kommt bei einer Vollbremsung aus 80 km/h bis zu 18 Meter früher zum Stehen als mit Reifen der Klasse E. 18 Meter – das ist in vielen Gefahrensituationen der Unterschied zwischen einem Schreckmoment und einem Unfall.

Der ADAC empfiehlt daher ausdrücklich, beim Reifenkauf mindestens auf Nasshaftungsklasse C oder besser zu achten. Reifen der Klassen D und E sollten für normale Fahrer keine Option sein.

Warum Nasshaftung über Effizienz geht

Gerade unerfahrene Käufer neigen dazu, hauptsächlich auf den Preis oder die Effizienzklasse zu schauen. Ein günstiger Reifen mit guter Kraftstoffeffizienz, aber schlechter Nasshaftung kann im Zweifel Leben kosten. Die Nasshaftung sollte bei der Kaufentscheidung immer Priorität haben.

Rollgeräusch: Drei Klassen, ein Dezibel-Wert

Das externe Rollgeräusch – also der Lärm, den ein fahrender Reifen für die Umgebung erzeugt – wird seit der Überarbeitung 2021 nicht mehr nur mit einem Dezibel-Wert angegeben, sondern in drei Klassen eingeteilt:

  • Klasse A (grün): Reifen liegt mindestens 3 dB(A) unter dem geltenden EU-Grenzwert
  • Klasse B (orange): Reifen liegt bis zu 3 dB(A) unter dem Grenzwert
  • Klasse C (rot): Reifen erfüllt den Grenzwert gerade noch

Zur Einordnung: Eine Reduktion um 3 dB(A) entspricht einer Halbierung des wahrgenommenen Lärms. Für den einzelnen Fahrer ist das Rollgeräusch innen im Fahrzeug ein anderes Thema (dort misst das Label nichts), aber für Anwohner viel befahrener Straßen spielt der Unterschied zwischen A- und C-Reifen eine echte Rolle. Reifen der Klasse A tragen aktiv zur Lärmreduzierung in Städten und Ortschaften bei.

Die neuen Symbole seit 2021

Das überarbeitete Label enthält zwei zusätzliche, optionale Symbole:

Schneeflockensymbol (Alpine-Symbol): Wer dieses Symbol sieht, weiß, dass der Reifen die gesetzlichen Mindestanforderungen für Winterbedingungen erfüllt – also auf Schnee geeignet ist und das Alpinsymbol der EU-Norm ECE R117 trägt.

Eis-Grip-Symbol: Dieses neuere Symbol signalisiert, dass der Reifen zusätzlich einen definierten Eisgrip-Test bestanden hat. Es richtet sich vor allem an Fahrer in nordischen Regionen mit langen, harten Wintern.

Beide Symbole werden nicht auf dem Hauptlabel bewertet (keine Skala), sondern lediglich als Ja/Nein-Kennzeichnung angezeigt. Wer also in schneereichen Regionen lebt, sollte gezielt nach diesen Symbolen Ausschau halten.

Der QR-Code: Mehr Transparenz auf Knopfdruck

Jedes neue Reifenlabel enthält einen QR-Code, der direkt zur europäischen Produktdatenbank EPREL führt. Dort finden Käufer vollständige technische Daten des jeweiligen Reifenmodells – weit mehr als das Label selbst zeigen kann. Einfach mit dem Smartphone abscannen und innerhalb von Sekunden alle Informationen abrufen.

Das ist besonders praktisch beim Online-Kauf, wo das physische Label naturgemäß nicht vorliegt.

Wie man das Label beim Reifenkauf richtig nutzt

Das EU-Reifenlabel ist ein gutes Orientierungsinstrument, ersetzt aber kein vollständiges Testurteil. Für eine fundierte Kaufentscheidung empfiehlt es sich, das Label mit unabhängigen Reifentests zu kombinieren – etwa von Stiftung Warentest, ADAC oder dem Reifentest-Verband ETRTO.

Eine sinnvolle Prioritätenreihenfolge beim Blick aufs Label:

  1. Nasshaftung – Sicherheit hat immer Vorrang
  2. Effizienzklasse – Kraftstoffkosten und Umwelt
  3. Rollgeräusch – Komfort und Lärmschutz

Reifen, die in allen drei Kategorien gut abschneiden, sind nicht zwangsläufig teurer. Oft ist der Preisunterschied zwischen Klasse B und C-Reifen marginal – der Sicherheitsgewinn aber real.

Wer sich tiefer in die Materie einlesen möchte, findet auf der offiziellen Informationsseite dasreifenlabel.de eine kompakte Übersicht aller Symbole und Bewertungskriterien.


Quellen und weiterführende Informationen: