Reifenwechsel: Zeitpunkt, Vorbereitung und korrekte Durchführung (Schritt für Schritt)
Zweimal im Jahr wiederholt sich das gleiche Ritual in deutschen Werkstätten und Garagen: der Reifenwechsel. Wer den richtigen Zeitpunkt verpasst oder bei der Durchführung schludert, riskiert nicht nur ein Bußgeld, sondern im schlimmsten Fall seine Sicherheit. Dabei ist ein sorgfältig durchgeführter Reifenwechsel kein Hexenwerk – vorausgesetzt, man weiß, worauf es ankommt.
Wann ist der richtige Zeitpunkt für den Reifenwechsel?
Die O-bis-O-Regel und ihre Grenzen
Die bekannte Faustregel „von Oktober bis Ostern" gibt eine grobe Orientierung, ist aber weder präzise noch rechtlich verbindlich. Entscheidend ist die Temperatur: Sobald die Durchschnittstemperaturen dauerhaft unter 7 °C fallen, verliert ein Sommerreifen spürbar an Haftung. Der Gummi wird härter, das Profil greift schlechter – besonders auf nassen Straßen. Der ADAC empfiehlt, diesen Schwellenwert als Leitlinie zu nutzen, nicht den Kalender.
Umgekehrt gilt beim Wechsel zurück auf Sommerreifen dasselbe Prinzip: Erst wenn keine Nachtfröste mehr zu erwarten sind und die Temperaturen konstant über 7 °C liegen, macht der Wechsel Sinn. In Süddeutschland und besonders in Höhenlagen wie auf der Schwäbischen Alb kann das durchaus bis April oder Anfang Mai dauern.
Gesetzliche Lage in Deutschland
Deutschland kennt keine kalendarische Winterreifenpflicht, sondern eine situative Pflicht. Das bedeutet: Bei Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch sowie Eis- oder Reifglätte sind Winterreifen gesetzlich vorgeschrieben – geregelt in § 2 Absatz 3a StVO. Wer bei solchen Bedingungen ohne geeignete Bereifung unterwegs ist, zahlt 60 Euro Bußgeld und kassiert einen Punkt in Flensburg. Verursacht man durch ungeeignete Reifen einen Unfall, kann die Kfz-Versicherung die Leistung kürzen.
Wichtig: Seit 2018 müssen neu produzierte Winterreifen das Alpine-Symbol tragen (Bergpiktogramm mit Schneeflocke). Reine M+S-Kennzeichnung reicht bei winterlichen Verhältnissen nicht mehr.
Vorbereitung: Was Sie vor dem Reifenwechsel brauchen
Ein selbst durchgeführter Reifenwechsel spart Geld und Wartezeit – aber nur, wenn das nötige Werkzeug vorhanden ist.
Checkliste Werkzeug:
- Wagenheber (möglichst Rangierwagenheber, stabiler als der Bordwagenheber)
- Unterstellbock (Sicherheitsständer) – niemals allein unter den Wagenheber kriechen
- Radkreuz oder Drehmomentschlüssel
- Handschuhe und ggf. Knieschoner
- Reifendruckprüfer
- Bürste oder Tuch zum Säubern der Radaufnahme
Den korrekten Anzugsdrehmoment für Ihre Radschrauben finden Sie im Fahrzeughandbuch. Bei den meisten Pkw liegt er zwischen 100 und 140 Nm, bei SUVs und Vans kann er deutlich höher sein. Ein geeichter Drehmomentschlüssel ist dabei keine Luxusausgabe, sondern eine Sicherheitsinvestition.
Legen Sie die einzulagernden Räder bereit und prüfen Sie deren Profiltiefe und Luftdruck, bevor Sie anfangen. Die gesetzliche Mindestprofiltiefe beträgt 1,6 mm – der Bundesverband Reifenhandel und der ADAC empfehlen aus Sicherheitsgründen mindestens 4 mm bei Winterreifen, 3 mm bei Sommerreifen.
Schritt-für-Schritt: So führen Sie den Reifenwechsel durch
1. Fahrzeug sichern
Stellen Sie das Fahrzeug auf ebenem, tragfähigem Untergrund ab. Handbremse anziehen, bei Schaltgetriebe einen Gang einlegen. Warndreieck aufstellen, wenn Sie auf einem öffentlichen Parkplatz oder an der Straße wechseln.
2. Radschrauben lösen – bevor Sie anheben
Bevor das Fahrzeug hochkommt, Radschrauben zunächst nur anbrechen (nicht vollständig lösen). Das Rad steht noch auf dem Boden und dreht sich nicht weg. Gegen den Uhrzeigersinn = lösen.
3. Fahrzeug anheben
Setzen Sie den Wagenheber an den vom Hersteller vorgesehenen Aufnahmepunkten an (im Handbuch beschrieben, oft durch Markierungen am Schweller erkennbar). Falsch angesetzte Wagenheber beschädigen den Schweller oder kippen. Heben Sie das Fahrzeug so weit an, dass das Rad frei dreht. Unterstellbock einsetzen – das ist kein optionaler Schritt.
4. Rad abmontieren
Schrauben vollständig herausdrehen und sicher ablegen (am besten in eine Schüssel, damit sie nicht wegrollen). Rad abziehen und zur Seite legen.
5. Radaufnahme reinigen
Rostansätze an der Bremsscheibe oder Radnabe kurz abbürsten. Das sorgt dafür, dass das neue Rad plan aufliegt und sich die Radschrauben gleichmäßig anziehen lassen.
6. Neues Rad aufsetzen und Schrauben anziehen
Rad aufstecken und Schrauben zunächst mit der Hand eindrehen, um ein Verkanten zu vermeiden. Dann über Kreuz (bzw. sternförmig) vorziehen – nie im Kreis. So liegt das Rad gleichmäßig an. Drehmoment noch nicht endgültig setzen, solange das Fahrzeug oben ist.
7. Fahrzeug absenken, Drehmoment setzen
Fahrzeug langsam ablassen, bis das Rad wieder auf dem Boden aufsitzt. Jetzt die Radschrauben mit dem Drehmomentschlüssel auf den vorgeschriebenen Wert anziehen – erneut über Kreuz. Eine gute Schritt-für-Schritt-Übersicht bietet auch die ADAC-Anleitung zum Räderwechsel.
8. Reifendruck kontrollieren
Eingelagerte Räder verlieren über die Monate Luft. Prüfen Sie den Reifendruck direkt nach dem Aufziehen und füllen Sie ihn auf den empfohlenen Wert auf (steht auf dem Aufkleber in der Fahrertür oder im Bordhandbuch).
Was nach dem Reifenwechsel zu beachten ist
Schrauben nachziehen: Nach etwa 50 bis 100 Kilometern sollten die Radschrauben noch einmal mit dem Drehmomentschlüssel nachgezogen werden. Besonders Alufelgen setzen sich minimal – das Nachziehen verhindert, dass sich Schrauben im Betrieb lockern. Viele Werkstätten kleben dazu einen Erinnerungsaufkleber ans Armaturenbrett.
Reifendruckkontrollsystem (TPMS): Fahrzeuge mit direktem TPMS-System (eigene Sensoren im Rad) müssen nach dem Wechsel das System neu anlernen. Indirekte Systeme (über ABS-Sensoren) genügt es, im Menü zurückzusetzen.
Räder einlagern: Kompletträder (Reifen auf Felge) sollten hängend oder liegend gestapelt aufbewahrt werden. Reifen ohne Felge stehend lagern, alle vier Wochen einmal weiterdrehen. Kühl, trocken und lichtgeschützt – am besten in Reifentaschen oder -säcken, um Ozonrisse zu vermeiden.
Lohnt sich der Reifenwechsel in der Werkstatt?
Wer kein geeignetes Werkzeug hat oder die Räder nicht selbst auswuchten kann, ist bei der Fachwerkstatt besser aufgehoben. Das Auswuchten ist besonders dann notwendig, wenn Reifen auf Felgen auf- oder abgezogen werden – also beim Wechsel von Sommer- auf Winterreifen ohne Komplettrad. Wer dagegen Komplettradsets besitzt, kann den Wechsel problemlos selbst durchführen und spart die Werkstattgebühr.
Der Reifenwechsel ist eine der wichtigsten Routineaufgaben rund ums Fahrzeug. Wer ihn rechtzeitig und sorgfältig durchführt, fährt nicht nur sicherer – er schont auch Reifen, Geldbeutel und Nerven.